MaPas fahren die Vogalonga

Einmal selbst durch die Kanäle Venedigs zu paddeln, dieser Traum geht seit 50 Jahren jedes Frühjahr in Erfüllung, wenn die venezianische Lagune komplett für den motorisierten Schiffsverkehr gesperrt wird, um ein ungestörtes Setting für die „Vogalonga“ zu schaffen.
Mitte der Siebziger ursprünglich als Protest gegen zunehmenden Motorbootverkehr und den die Stadt schädigenden Wellenschlag gedacht, hat sich das „lange Rudern“, wie die wörtliche Übersetzung lautet, zu einem nicht kompetitiven internationalen Happening entwickelt, das tausende Wassersportler aus aller Welt anzieht. Die Veranstaltung ist offen für alle Muskelkraft betriebenen Boote und es befinden sich daher neben den traditionellen venezianischen Ruderbooten, die stehend und vorwärts gefahren werden, auch Gondeln, Kanus, Kajaks, Drachenboote und SUPs unter den Teilnehmenden.
Auch in diesem Jahr versammeln sich am frühen Morgen des 24. Mai bei strahlend blauem Himmel und glitzerndem Wasser die Boote im Markusbecken gegenüber dem Dogenpalast, um sich zum 50. Mal gemeinsam auf die 30 Kilometer lange Strecke durch die venezianische Lagune zu machen. Vorbei an den Inseln Burano und Murano führt der Weg am Ende auf den Canal Grande.
Mit dabei ist das Mülheimer Team Ruhrtal Desaster, ein Zusammenschluss des Drachenbootteams der DJK-Ruhrwacht und der Mamas & Papas des MKV. Um Punkt 9.00 Uhr macht es sich zum Kanonenschlag mit wehender Mülheimer Flagge im gemieteten Boot auf die große Fahrt. Im zügigen Tempo wird es von Steuerfrau Susanne durch das bunte Feld der Mitstreiter manövriert. Die zahlreichen gemeinsamen Trainings der beiden Teams zahlen sich aus, der Paddelschlag ist harmonisch und das Boot kommt gut voran. Selbst Sandbänke und querstehende Zweierkajaks können es zunächst nicht aufhalten.
Kurz vor Burano macht sich dann aber doch die große Zahl von über 2.000 teilnehmenden Wasserfahrzeugen bemerkbar. Es entsteht ein großes Gedränge. Die verschiedenen Bootstypen zeichnen sich durch unterschiedliche Wendigkeit und Platzbedarf aus. Nicht selten hat man die Gelegenheit, den Riemen eines Ruderboots mal ganz aus der Nähe zu betrachten. Die Szenerie wechselt zwischen A 40 zur Rushhour und einem römischen Wagenrennen. Susanne aber behält den Überblick und nach dem vorübergehenden Engpass finden wir uns in der Weite der Lagune wieder, wo die Kräfte sogar noch für ein kleines Spaßrennen gegen ein österreichisches Drachenbootteam ausreichen.
Am Eingang zur Lagunenstadt kommt es ob der großen Menge an Booten erneut zum Tumult und das Team muss noch mal alle Kräfte mobilisieren, um das Boot in Position zu bringen und die Einfahrt in den Canal Grande zu ermöglichen. Schließlich gelingt auch dies und das Drachenboot fährt unter dem Jubel der Zuschauer durch den berühmten Kanal. Die Fahrt unter der vollbesetzten Rialtobrücke ist trotz aller Strapazen ein Gänsehauterlebnis - nur noch getoppt von der Durchfahrt unter der Akademiebrücke, wo das Mülheimer Support-Team seit Stunden auf das Ruhrtal Desaster wartet und es nun lautstark willkommen heißt.
Der Empfang der Medaillen bildet nach mehr als sechs Stunden den offiziellen Abschluss eines außergewöhnlichen sportlichen Gemeinschaftserlebnisses. Doch so ganz ist die Fahrt noch nicht zu Ende. Auf dem Rückweg zum Support-Team zeigt Susanne noch ein letztes Mal ihr Können: Mit einer waghalsigen 180 Grad Drehung mitten auf dem Canal Grande überlistet sie sowohl den nicht endenden Gegenverkehr als auch die Wasserschutzpolizei, um das Boot in einen kleinen Seitenkanal zur Siegesfeier zu manövrieren.
Mit einem kühlen Getränk in der Hand und der Medaille um den Hals stellen wir wie so oft fest, dass überall auf der Welt die Sonne scheint – ganz besonders aber an diesem Tag in Venedig.
Von Birgit Weymann








